«Das wird ein Bombengeschäft»
Am 1. März 2002 war es, da traf er im Spiel gegen Malaysia als erster Schweizer Natispieler ins Schwarze: Olivier Schladenhaffen. Doch was treibt der einstige Starstürmer heute?
Es ist schon spätabends und die Sonne geht gerade unter, als ich von meinem Trottinett steige. Die Reise aus der Schweiz nach Asturien war lange und beschwerlich, meine Waden schmerzen, mein Nacken fühlt sich steinhart an. Ich schaue auf einen selbstgekritzelten Plan in meinem Notizblock, laufe dann auf ein altes Haus, an dem die Zeit sichtlich genagt hat, zu. Eine Regenrinne ist verrostet und verbeult, ein Kellerfenster hat einen Sprung, der Putz bröckelt von der Hauswand.
In diesem Haus – eigentlich ist es mehr eine Hütte – wohnt Olivier Schladdenhaffen (2523832), der erste Torschütze der Schweizer Nationalmannschaft. Vor einer Woche habe ich ihn aufgespürt und telephonisch einen Interview-Termin vereinbart. «Sie können kommen, wann sie wollen. Ich bin fast immer zu Hause», hatte er durch die Leitung genuschelt.
Als ich die Klingel betätige, höre ich ein langgezogenes Ächzen, dann ein Klimpern, dann langsame Schritte. Ein gähnender, unrasierter Mann öffnet die Tür. Auf den ersten Blick schätze ich ihn auf mindestens 50 Lenze.
Wie ein fernes Echo
Wenig später sitze ich mit Olivier Schladdenhaffen – er ist es wirklich – auf der Veranda. Es ist schwül, er drückt mir ein eiskaltes Bier in die Hand, unsere Aussicht aufs Meer, den Golf von Biskaya, wird von einem zwei Meter hohen Bretterzaun versperrt. Das rhythmische Rauschen des Meeres hören wir trotzdem, wenn auch leise, wie ein fernes Echo.
Ich frage ihn nach dem Tor von damals gegen Malaysia, dem ersten Tor, das ein Schweizer Natispieler in einem Natispiel geschossen hat. Olivier – «Ich bin der Olivier» – erinnert sich noch ganz genau. Er steht auf und zeigt mir, wie er den Ball mit dem Vollspann erwischt hat. «Ich hab den Ball so zwölf Meter vom Tor auf halblinks bekommen, mit einer Körpertäuschung den Verteidiger ins Leere grätschen lassen und dann voll draufgehalten», sagt er und lächelt. Und nimmt einen grossen Schluck aus seiner Bierhülse.
«Mann, die Malaysier haben da vielleicht lange Gesichter gemacht», sagt er. Verloren hat die Schweiz dann doch noch – 1:3. «Mit etwas mehr Glück hätten wir gewinnen können», meint Olivier kopfschüttelnd. «Vor allem, wenn wir nicht so ein stupides 4-4-2 mit nur zwei IMs gespielt hätten. Aber unser Trainer, irgend so ein Schwede, ich weiss gar nicht mehr, wie der hiess... Jedenfalls hatte der keine Ahnung, sonst hätten wir gewonnen. Ganz sicher!»
Damals bei den hobbits
Olivier Schladdenhaffen hat es auf stolze 44 Länderspiele gebracht. Während seiner Aktiv-Karriere ist er ganz schön rumgekommen. Nur fünf Tage nach seinem ersten Natispiel hat ihn Meistermanager Teg – Olivier spielte damals bei den hobbits – transferiert. «Der Teg hat gut an mir verdient», meint Olivier und nickt nachdrücklich. «Aber das Handgeld der Mexikaner war auch ganz passabel.»
Danach hat es ihn nach Russland verschlagen, später nach Belgien und schliesslich hierhin, ins spanische Hinterland. Dank seiner gigantischen Erfahrung hat ihn der Manager von cuscus culés (30916) zum Trainer ausgebildet. «Mit mir ist die Mannschaft gleich wieder in Liga II. aufgestiegen», sagt er stolz. «52'902 Zuschauer waren beim letzten Saisonspiel dabei. Mann, da ging dann die Post ab!» Wenig später gings dann aber bergab. «Da war nichts zu machen», sagt Olivier.
Der Manager – das erzählt mir Olivier, und meine Recherchen bei der Lokalzeitung vor Ort haben das bestätigt – hat seinen Verein mehr und mehr vernachlässigt, die geforderten Verstärkungen blieben aus. Warum er das tat? Er verlor den Spass am Verein, hat sich stattdessen seinen Bubentraum erfüllt – und einen Flohzirkus gekauft.
Nochmal was erreichen
Olivier sitzt hier fest. Seine Mannschaft ist ein WO-Team, verliert Woche für Woche 5:0 forfait. Ich frage ihn, was er von der Zukunft erwartet. Er zuckt mit den Schultern, wirkt resigniert, müde. «Bis der Verein bis ganz nach unten durchgereicht wurde und ersetzt wird, dauert das noch mindestens drei Saisons. Ich hoffe einfach, dass ich dann einen guten Trainerposten bekomme, bei einem Team, dessen Manager auch wirklich was erreichen will.»
Bevor ich gehe, hat Olivier noch eine Idee. Er habe in finanzieller Hinsicht schon bessere Zeiten erlebt. Ob ich nicht etwas für ihn tun könne? «Natürlich», sage ich. «Ich hab noch einen Karton voller Autogrammkarten von mir – von damals», beginnt er. «Schreib das. Die Leser können sie mir noch abkaufen, 20 Franken pro Stück. Das ist ein fairer Preis, schliesslich haben die Sammlerwert.» – «Natürlich. Ich mach das», antworte ich. «Das wird ein Bombengeschäft», sagt er zum Abschluss. Ganz sicher.


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